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PHOTOS (Frank Eidel)

"Die Zukunft liegt im Schlaf" (VÖ 14.01.2011)

Ob in Notizbüchern notiert, auf Hotelservietten gekrakelt oder auf Speicherchips verewigt, im Laufe der Zeit sammeln sich bei jedem Songwriter Lieder, Textskizzen oder Songfragmente an, die, sei es nun, weil zu persönlich, zu eigen oder aus anderen Gründen, mit der Hauptband nicht kompatibel sind. Und die daher so lange nicht das Licht der Welt erblicken, bis der Druck (ob von außen oder von innen) so groß wird, dass der Troubadour nicht mehr anders kann: eine Solo-Platte muss her! So auch bei niemand Geringerem als dem Sänger der Band TELE: Francesco Wilking.
Über zehn Jahre lang hat er Texte und Ideen gesammelt, bis er sie dann endlich sichtete. Der eine oder andere Song wurde mit Feinschliff versehen, die liebsten Musiker zusammengetrommelt und im Mai 2010 wurden dann an drei Tagen in den Berliner Mila Studios zwölf Songs live, inklusive Gesang, aufgenommen. "Die Zukunft liegt im Schlaf" ist ein vielschichtiges, sehr eigenes Album geworden. Das Instrumentarium reicht vom Banjo über ein Harmonium bis zum Baritonsaxophon. Francesco Wilking schafft es, Vaudeville, Blues, Country und Bossa Rhythmen (auf der Caetano-Veloso-Bearbeitung "Der Minister") so zu vermengen, dass die ursprünglichen Einflüsse kaum mehr zu erahnen sind und ein eigener Sound entsteht – und damit ein ausgereiftes, erwachsenes, eigenes Album eines fantastischen Songwriters, Sängers und Texters.
Judith Holofernes von der ebenso beliebten wie erfolgreichen Band Wir sind Helden hatte die Möglichkeit, vorab "Die Zukunft liegt im Schlaf" zu hören. Sie war begeistert. Hier ihre Gedanken:

Lieber Francesco,

Wie schade, dass wir im Deutschen kein Wort für weißen Neid haben! Im Gegensatz zu: grünem Neid. Der zum Beispiel bedeuten würde, dass ich wollen würde, dass dir die Nase abfiele, oder dass du zu Wetten Dass…? gehen müsstest oder ähnliches. Will ich gar nicht! Weißer Neid hingegen will ja nur was von mir... Nämlich, dass ich verdammt noch mal nach Hause gehe und selbst eine Platte schreibe.
Und so stelle ich mir das übrigens vor – dass überall im Land die Leute deine Platte hören und nach Hause gehen und verdammt noch mal selbst eine Platte aufnehmen. Nicht etwa, weil ich denke, dass irgendjemandes Platte so gut würde wie deine, bewahre. Das halte ich tatsächlich für so gut wie ausgeschlossen. Sondern einzig und allein, weil man das hören muss und denken: Ach ja, so war das mit der Kunst. Man macht sie einfach! Man steckt alles rein, was man liebt, tütet es irgendwie ein und verschenkt es jedem, der es haben will. Und der dann verdammt noch mal eine eigene Platte schreibt. Und wiederum diese Freude in Tüten packt und weiter gibt.
Und zwar am besten so wie du, in drei Tagen! Herrgottsack, so muss man das machen. Hiermit ziehe ich tiefstens meinen Hut. Natürlich auch vor den wieder mal grandiosen Texten und Geschichten und Melodien, aber vor allem vor dem Spaß und der Kaltschnäuzigkeit und der generellen Verpflichtung dem Unmittelbaren und der ersten Idee gegenüber.
So eine selbstgenügsame, zufriedene, freudige Platte muss jedem, der mit seiner Platte oder seinem Beruf oder sonst mit irgendwas zu viel will, eine Ohrfeige sein, eine freundliche, und das ist großartig. Weil man nur, wenn man sich das Kleine traut, nah ans Große rankommt. Und deshalb ist sie natürlich groß, diese kleine Platte. Und auch, weil sie mit einem Einzähler beginnt, einem „Eins, zwei, drei, vier...“, genau wie es sich gehört – und der ist noch nicht mal von dir, sondern vom Schlagzeuger! Das will was heißen. Nämlich: „drauf scheißen“. Ich bin ein bisschen hin, ich bin ein bisschen weg. Da sitzen ein paar Musiker im Kreis, einander zugewandt, und man darf irgendwie dabei sein, als Hörer, muss man aber in Wirklichkeit gar nicht.
Ach so, und du meintest ja, ich könnte so Liner Notes schreiben, so wie „When I first met Francesco, he...“. Soll ich? Wirklich? When I fist met Francesco, he was heartbreakingly nachspieling all the shit that he is now am Anzitieren, auf´s Vortrefflichste. Will heißen: genau das lodernde Fan-Herz, das ich damals vor zwölf Jahren in Freiburg kennen- und schätzen gelernt habe, das höre ich jetzt auf dieser Platte. Und wenn ich daran denke, wie wir uns gegenseitig 60er- und 70er-Jahre-Helden vorgespielt haben, dann freue ich mich ganz wahnsinnig für dich und für mich und denke: genau die Platte musste Francesco machen. Für sich und für mich. Und alle, die nach Hause gehen sollten und selber eine Platte aufnehmen.
In dem Sinne:
Dankeschön

Judith Holofernes

Die Zukunft liegt im Schlaf