Josh Ottum - Like The Season
Ich weiß noch genau, wie es damals war, Nada Surfs "Let Go" zum ersten Mal zu hören: Es war in einem Auto, auf der Rückfahrt vom Haldern Festival, und nach vier Runden Dauer-Repeat wusste ich: Ich bin verliebt.
Es hat fünf Jahre gedauert, um das gleiche Gefühl wieder bei mir auszulösen. Geschafft hat es, trotz viel brillanter Musik in den Jahren dazwischen, erst Josh Ottum. Beim ersten Mal lief "Like The Season" noch im Hintergrund durch, beim zweiten Mal fragte ich die Kollegen, was das ist – immer mit der gleichen Antwort: Josh Ottum. Und nach dem dritten Mal bekam ich die Melodien nicht mehr aus dem Kopf.
Es passiert selten, dass ein Album mehr auslöst als nur erfreutes Mitschwingen – "Like The Season" schafft eine Resonanz, die verbindet. Eine Resonanz, bei der man weiß: Du verstehst mich, ich verstehe dich, und irgendwie sind wir eins für diese 55 Minuten.
Natürlich spricht das dafür, dass Josh Ottum ein begnadeter Singer-Songwriter ist, aber "Like The Season" ist viel mehr als nur das. Für die Instrumentierung und Arrangements zeichnen sich nämlich Gäste zuständig, die aus Bands stammen, die nicht nur in Seattle Rang und Namen haben: Pedro The Lion, Sufjan Stevens Band, Laura Veirs, Rosie Thomas...
Aus Blechbläsern, verschachteltem Gesang, mehreren Schlagzeugen, Keyboards, und ja, auch ein, zwei Gitarren entsteht dabei ein vielschichtiges, warmes Album, das sich wie eine zweite Decke im Winter um einen legt. Und Mama schiebt die losen Enden noch mal unter den Körper, damit man ganz dick eingemummelt ist.
Stilistisch setzt sich Josh Ottum keine Grenzen. Manche Kritiker verpassten ihm daraufhin den Stempel "postmodern", weil er sich bei allen musikalischen Epochen und Stilrichtungen bedient, die er gerade für einen Song braucht. Manchmal groovt es wie Phoenix, manchmal verheddert es sich wie Sufjan Stevens in seinen besten Momenten, manchmal könnte die Keyboardmelodie von Van Halen geklaut sein. Und doch halten die Stimme Josh Ottums und seine Geschichten immer alles zusammen.
Was wie ein Debütalbum erscheint, ist im Grunde genommen auch keines. Abgesehen davon, dass er die letzten Jahre in Bands wie Friends for Heroes und Mister Pleasant gespielt hat, konnte er auf einen riesigen, bisher unveröffentlichten Vorrat an Songs zurückgreifen. Josh: "I went into the back catalogue of the last eight years of writing songs and ended up choosing the ones that sounded the best. So it's kind of a greatest hits and a first album."
Josh Ottums Musik ist verschroben, sonderbar und eingängig zugleich. Eine Harmonie darf ruhig aus mehr Bausteinen bestehen, als sie der Durchschnitts-Songwriter überhaupt kennt. Virtuos, melodiös, herzzerreißend – das ist Popmusik der Gegenwart.
"Like The Season" mag aufgrund seiner Vielfalt postmodern sein, aber für mich ist es vor allem ein klassisches Album: Eins, das man langsam lieb gewinnt und dann nie nie nie wieder missen will.
(Stefan Hartmann / Prima Pop)
Diskographie
2006 Like The Season








