Charlie Keller (?)

Hier nun weitere Titel der mysteriösen Charlie Keller. Die Restaurierung des Tonbandes gestaltete sich denkbar schwierig, so musste das Band etwa gebacken werden. Um so mehr freuen wir uns nach der Kosmonauten-Ode „Ich, Sigmund Jähn“ nun vier weitere Werke aus dem Oeuvre Kellers präsentieren zu können.

1. Die Ballade von der Überlegenheit der sozialistischen Wissenschaft

Lasziv haucht die Keller in diesem Lied über große sozialistische Errungenschaften: Über den ersten künstlichen Erdtrabanten „Sputnik“, über den Teilchenbeschleuniger Synchrophasotron und über die erste Herztransplantation. Diese wurde nämlich nicht vom südafrikanischen Imperialisten Christiaan Barnard durchgeführt, sondern 1946 von Wladimir Petrowitsch Demichow, und zwar an einem Hund. Wie auch schon „Ich, Sigmund Jähn“, ist „Die Ballade von der Überlegenheit der sozialistischen Wissenschaft“ Agitprop reinsten Wassers. Obgleich der vermutlich von Vollprofis dargebotenen amtliche Pop-Rock auch heute durchaus zu gefallen weiß, fällt es schwer zu glauben, dass die Werktätigen nach Feierabend eine Ballade über Wismut und Kernfusion mitschmettern wollten. Selbst für DDR-Verhältnisse sehr dick aufgetragen. Vielleicht einer der Gründe weshalb dieses Lied bisher nie veröffentlicht wurde?

2. Wir haben Hunger

Ein Lied über die Zärtlichkeit der Völker, die internationale Solidarität. Und zärtlich ist neben Kellers Gesang auch das lateinamerikanisch anmutende Arrangement des Liedes. Der von Chris Montez populär gemachten Schlager „The more I see you“ dient als Hintergrund für Kellers Loblied auf die selbstlose Wirtschaftshilfe. „Für Dich ist Fasching / Für uns ist Aschermittwoch“;  so versetzt sich Keller in die Lage der Dürstenden und Hungernden. Aber brüderliche Hilfe naht: “Es brummt der Traktor / Der Benefaktor / Kommt aus Ostdeutschland“. Keller transformiert somit einen banalen US-Schlager in eine zutiefst humanistische Anklage.

3. Lopo de Nascimento

Schwer vorstellbar, dass dieses Loblied auf den ersten Premierminister des unabhängigen Angola einst tatsächlich zur Veröffentlichung bestimmt war. Zu nassforsch- ankumpelnd wird der Genosse besungen. Oder anders gesagt: Zu viel Humor, Freiheitskampf ist serious business. Und dem MPLA-Chef Drogenkonsum zu unterstellen, auch wenn der Joint vorgeblich mit Ernesto Guevara geraucht wurde... Vielleicht war der Text nur eine Fingerübung um auszuloten, wie man sozialistische Anführer hip darstellen kann? So nach dem Motto: Er ist zwar ein selbstloser Übermensch, aber hey, er ist auch einer von uns. Wie dem auch sei, weise diesen Song nicht zu veröffentlichen war es allemal. Wie humorig de Nascimento auch gewesen sein mag: Vermutlich wäre der Botschafter des Bruderstaates DDR nach Veröffentlichung einbestellt worden. Und das nur wegen eines Liedes!

4. An einem Dienstag im September

Die vierte und vorerst letzte restaurierte Charlie Keller-Aufnahme: „An einem Dienstag im September“ ist eine zu Herzen gehende Ballade über den schwärzesten Tag der chilenischen Geschichte. In einer allgemeinverständlichen, die Jugend ansprechenden Sprache, singt sie in diesem angejazzten Chanson über den Putsch gegen den demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Allende und gegen das chilenische Volk. Das Lied erinnert an große Politbarden wie Degenhardt und wäre, wenn in den 70ern veröffentlicht, bestimmt ein Hit bei den Freunden und Freundinnen des politischen Liedes geworden.

Charlie Keller - Ich, Sigmund Jähn (VÖ, digital: 18.9.)

Ab 2009 veröffentlichten wir auf unserem Schwesterlabel Bureau B die inzwischen vergriffene Compilations „Funky Fräuleins" Vol. 1 und 2 sowie "Beat Fräuleins". Zu diesem Zweck trugen wir auf Flohmärkten etc. kartonweise Schallplatten und Memorabilia zusammen. Dabei fielen uns u.a. mit Bleistift beschriftete Tonbänder der Marke "Orwo"  die Hände. Mangels Abspielmöglichkeit lagerte das Band jahrelang ungehört bei uns im Büro. Jetzt kamen wir dazu es abzuhören. Es befindet sich ziemlich tolle Musik drauf, wohl gesungen von "Charlie Keller". Den spärlichen Hinweisen und den Texten zufolge muss es sich um eine Künstlerin aus der DDR handeln, die Aufnahmen sind wohl Ende der 70er entstanden. Da man im Internet so gut wie nichts über die Künstlerin fand und auch den einschlägigen Expert*innen der Name nichts sagte starteten wir einen öffentlichen Aufruf mit der Bitte uns Informationen über Charlie Keller und ihre Musik zukommen zu lassen. An dieser Stelle herzlichen Dank an alle welche unserem Aufruf folgten und uns  Hinweise bzgl Charlie Keller gaben. Wir erhielten sogar aus zwei Quellen jeweils ein Foto welches die Künstlerin zeigen soll. 

Aus den zahlreichen Hinweisen und Tipps setzt sich hinsichtlich der Biographie der Sängerin „Charlie Keller“ folgendes Mosaik zusammen:

Charlie Keller (vermutlich Pseudonym, richtiger Name bisher nicht bekannt) soll am 11. November 1950 in Wattenscheid geboren worden sein. Als überzeugte Kommunistin siedelte sie angeblich im Alter von 18 Jahren in die DDR über wo sie eine musikalische Ausbildung an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin erhalten sollte. Es fiel der zwar talentierten, allerdings sehr impulsiven und in Westdeutschland sozialisierten jungen Frau schwer sich dem Kollektiv unterzuordnen weshalb sie sie die Hochschule bereits nach kurzer Zeit wegen zahlreicher disziplinarischer Verstöße wieder verlassen musste. Trotz ihrer Exmatrikulation wurde es Keller augenscheinlich jedoch gestattet weiterhin künstlerisch tätig zu sein. Die wieder aufgefundenen Aufnahmen, legen davon Zeugnis ab. Die einmalige Chance eine hübsche, talentierte und vor allem westliche Kommunistin ins popkulturelle Schaufenster zu stellen wollte man sich im Kalten Krieg wohl nicht nehmen lassen. Pate hierfür dürfte der Erfolg des „Roten Cowboys“ Dean Reed gestanden haben. Vermutlich da sie ihr Temperament nicht unter Kontrolle hatte wurde es schlussendlich doch nicht gewagt ihre Musik zu veröffentlichen geschweige denn Keller öffentlich auftreten zu lassen. Zudem erschienen Kellers Texte höchstwahrscheinlich selbst für AgitProp-Verhältnisse als zu dick aufgetragen. 

Frustriert ob der verhinderten Karriere und nicht Willens einer anderen Tätigkeit nachzugehen wurde Keller wohl für ihr Gastland immer mehr zu Last und galt bald als ideologisch unzuverlässig und somit als Gefahr. Angeblich wurde Keller kurz vor dem Mauerfall ausgebürgert und soll seitdem in Westdeutschland leben. Über ihren Verbleib ist bis dato nichts bekannt.

Wir freuen uns sehr nun einen restaurierten Song von Charlie Keller veröffentlichen zu können. „Ich, Sigmund Jähn“ ist eine Hymne an den ersten Deutschen im All und entstand somit um oder nach 1978. Kompositorisch, gesanglich und produktionstechnisch ein unglaublich toller Song. Zu Ehren des am 21.09.2019 verstorbenen Kosmonauten veröffentlichen wir das Lied zu seinem ersten Todestag.

 

Video

Charlie Keller - Die Ballade von der Überlegenheit der sozialistischen Wissenschaft
Charlie Keller - Ich, Sigmund Jähn
Charlie Keller - Ich, Sigmund Jähn (?) - Tapefund