Die Aeronauten

Neun Extraleben (VÖ: 20. November 2020)

«Dinge gehen schief, Dinge gehen verloren», aber wir alle wissen, mit dem letzten Funken Punk im Feuer: «Irgendwann wird alles gut». Olifr Maurmann und seine Aeronauten sind zurück, sie nehmen uns an der Hand und erklären noch einmal, wie «Dieses anstrengende Leben» geht. Grandios mitreissend, sagenhaft schlau, umwerfend lustig und schonungslos ehrlich, aber nie zynisch und schon gar nie schlapp. Dieses Album ist ein Wunder, eine unverhoffte Umarmung, ein riesiger Trost. Es ist 13 Titel lang das «Extraleben», das Maurmann vor Augen hatte und doch nicht mehr bekam: Nach zwei Herzinfarkten wartete er im Herbst 2019 vier Monate lang im Krankenhausbett auf ein Spenderherz. Im Januar 2020 versagte im letzten Moment sein schwaches Herz. Ein Schock, der die deutschsprachige Musikwelt von Bern bis Hamburg erschütterte, schliesslich war Maurmann alias GUZ, selbst ernannter «Knödelbaron» und «Dirk von Lowtzow in Gummistiefeln», mit den Aeronauten die einzige Schweizer Band mit guter Position in der «Hamburger Schule», seelenverwandt mit Superpunk oder Knarf Rellöm und den andern «Dorfdeppen, die die Grossstadt neu erfanden», wie er ironisch schrieb.

Von Tod und Herz ist auf diesem Extra-Album nicht gross die Rede, vielmehr strotzt es von Leben und dem trotzigen Willen, nicht aufzugeben und immer wieder aufzustehen. Es haut nicht umsonst rein wie das Debütalbum einer Band, die alle Jugendkräfte für ihr erstes Meisterwerk gebündelt hat. Nichts von irgendwie müdem «gereiften Alterswerk», wie das jeweils beschönigend heisst, sondern, Maurmann war ja erst 52, die Verheissung eines kraftvollen Neubeginns. «Jetzt weiss ich wie’s geht», singt er auf dem Titelstück «Neun Extraleben». Was ein Witz ist, denn gewusst wie hat er alles schon längst, allein 30 Jahre Aeronauten-Bandgeschichte zeugen davon. Es sollte weitergehen, im Februar 2019 hatte sich die Band eine Woche lang in eine Alphütte im Appenzellerland zurückgezogen und mit der Arbeit an einem neuen Album begonnen. Später trafen sie sich regelmässig in Maurmanns Startrack-Studio in Schaffhausen und kamen gut voran, bis der Chef ins Krankenhaus musste. 

Was tun mit den restlichen Skizzen, mit Einzelspuren von Stimme und Gitarre oder mit Texten, die noch keine Musik hatten? «Nach Olifrs Tod wurde uns schnell klar», schreiben die Aeronauten zum Schluss, «dass wir das hier für ihn und uns und auch irgendwie mit ihm zu Ende bringen wollten.» Nach der lähmenden Trauer mobilisierte die Band im Corona-Lockdown alle Kräfte: Motte, Dani, Lukas, Marc und Roger zogen das Ding im Sinn und Geist Olifrs durch; sie probten und pröbelten Sachen aus, machten Testaufnahmen, tranken Bier, erzählten sich Geschichten – eine Gruppentherapie mit klarem Ziel vor Augen: «Irgendwann wird alles gut.» Motte suchte im Studio alle Aufnahmen und fügte die Puzzleteile zusammen, er zauberte bei «Neun Extraleben», indem er Olifrs Stimme aus einer älteren Aufnahme auf die Studiofassung einpasste. Und Roger gab dem Album die fehlenden Musik für den «Stauseegrund» und steuerte die beiden Instrumentalstücke bei. Zusätzlich half der befreundete Produzent und Musiker (u.a. in GUZ’ Averells) David Langhard quasi als siebtes Bandmitglied die Kohlen aus dem Feuer zu holen und sorgte einmal sogar für Extranoten mit der Talkbox. 

Und wie das jetzt wirkt wie aus einem Guss! Auf diesem nachgereichten Album knallt und glänzt noch einmal alles, was die Aeronauten auszeichnet: die grosse Popgeste, der Haudrauf-Schweinepunk, die saftigen Soul- und Blues-Einschübe. Rock’n’Roll mit einem Begriffsverständnis, wie er in der Schweiz und ja, auch in Deutschland seinesgleichen sucht. Mit weit offenem Echoraum bis in die schrulligsten Nischen: «Ching Ching Wong» von Bernie Turner and The Armorettes wird fast eins zu eins gecovert, «Goldfish Murder» von Billy Childish und Sexton Ming feinsinnig eingedeutscht, wie es Olifr Maurmann mit seinen angelsächsischen Favoriten einmalig pflegte. Und es fehlt nicht das Instrumental mit dem Ennio-Morricone-Einschlag, das «Extremadura» von einst wird hier aufgrund einer Inspiration des Barockmeisters Henry Purcell zum «Lamento». Derweil kalbt «Gletscher» wie ein Klaviergruss aus dem Jenseits und gibt die schöne französische Fata Morgana namens «Mirage» früh den Takt des fröhlichen Pessimismus’ an, wie er GUZ und den Aeronauten stets eigen war.

Dieses «Extraleben» haben die Aeronauten und ihr Publikum wahrlich verdient. Immer standen sie kurz vor dem Durchbruch, der trotz namhaften Plattenverträgen, prominenten Fans wie Rocko Schamoni, Frank Spilker (Die Sterne) und Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen) und gutbesuchten Tourneen nie ganz kam. Immer wussten sie um die Proportionen als Aussenseiterband, die in den Ohren vieler FreundInnen jedoch viel grösser war als die der Hallenfüllerbands. «Wir waren nirgends gross, nur überall ein bisschen», schrieb Maurmann 2004 in seiner Bandgeschichte. Und wie die freche Jugendgang, die eine Kleinstadt aufmischt, trotzte sie den Umständen und trug den Halberfolg stets mit ironischer Fassung – siehe Albumtitel wie «Too Big To Fail» (Best-of) oder «Bohème, pas de problème». Jetzt besagt dies, ein Bluff im besten Sinn, posthum auch der überlebensgrosse Titel «Neun Extraleben», das elfte Studioalbum, der Gipfel eines Vermächtnisses, das lange nachklingt. 

Wie gesagt ein Wunderwerk, das den Tod dieses einzigartigen Schweizer Musikers wenn nicht überwindet, so doch ein wenig erträglicher macht. «Never be dead», schreit der letzte Song, die Handyaufnahme einer älteren Probe; es ist die ultimative Lebensversicherung der Jugend, das «Teenage Dreams» (Are Hard To Beat) der Undertones, mit der wunderschönen Zeile, die als Aeronauten-Huldigung dient: «Wir haben allen den Kopf verdreht.» Und dann: «Klopf den Rhythmus bis aufs Grab.» Bis in alle Ewigkeit. Gelächter. Umarmung. Ab.  

 

Marcel Elsener, Journalist, Olifr-Weggefährte seit den Anfängen, Rorschach (nicht Romanshorn) am Bodensee, im September 2020