Neuer Wall (VÖ: 26. Juli 2024)

Mit seinem Soloprojekt Konstantin Unwohl veröffentlichte der in Hamburg lebende Künstler Korbinian Scheffold in den vergangenen Jahren einige Kassetten. 2021 erschien das Debütalbum Im Institut für Strömungstechnik über das Berliner Label aufnahme + wiedergabe. Darauf perfektionierte er seinen musikalischen Stil; eine Mischung aus minimalistischem Darkwave und kontemporärem Synth-Pop. Mit Neuer Wall, seinem ersten Album auf Tapete Records, legt Unwohl nun seine zweite, komplett in Eigenregiekonzipierte, geschriebene und produzierte LP vor.

Es geht hier um Balance – in seinem neuen Album Neuer Wall entlarvt der Hamburger Musiker Konstantin Unwohl eine Gesellschaft aus recyceltem Plastik zwischen Schein und Sein. Wie auf einem Spaziergang, bei dem man an jeder Ecke etwas auf dem Boden findet, führt uns seine neue LP einen schmalen Grat entlang, auf dem Gleichgewicht und Kipppunkt immer nah beieinander liegen. Wo die Spannungen zwischen Außen- und Innenwelt das Selbst zu zerreißen drohen, wo aus Meinungen Tatsachen werden und Kommentare sich als Wissensquelle ausgeben, genau da also, wo der Vorgänger aufgegeben hat, knüpft Unwohl mit Neuer Wall wieder an.

Ähnlich getrieben wie auf seinem Debütalbum, entwickelt er dabei einen gereifteren Blick auf die Tragik der Existenz und verweigert erfolgreich die Kapitulation vor neoliberalen Ansprüchen und Erwartungen. Entfremdung inallen Farben und Formen ist das zentrale Thema des Albums, wie auch die Mechanismen ihrer Verarbeitung. Abseits des großen Geschehens hat er so seinen eigenen Platz gefunden.

Die Stücke sind geprägt von leichtfüßigen Melodien und kraftvollen Beats aus Unwohls Sammlung von Synthesizern, Drummachines und Samplern.

Allem, was da zunächst vertraut und gewohnt erscheinen mag, folgt ein Bruch, der tiefer in die Facetten der Arrangements führt, sodass sich auch kleinste Elemente entfalten können. So mancher Rhythmus schleppt sich wie eine anfahrende S-Bahn mühselig voran, um uns bei Erreichen der Höchstleistung dann wieder auf die Tanzfläche zu treiben.

Schnell wird deutlich, wie wichtig Unwohl das Gesamtkonzept eines Songs in allen seinen Einzelteilen ist und wiegeschickt er diese Teile zu einer klanglichen Einheit von verschiedensten Texturen verschmelzen lässt. Produziert hat er das Album über einen Zeitraum von vier Jahren im eigenen Heimstudio, mit Blick auf die Schienen und den stetig fortschreitenden Abriss der Hamburger Holsten-Brauerei.

So entfaltet das Album seine immersive Wirkung und funktioniert dabei an vielen Stellen wie eine Erzählung. Wir können seinen Beobachtungen beiwohnen und uns fragen, ob wir zustimmen oder nicht – uns aber ganz unabhängig von unserer Antwort auf diese Frage mitreißen lassen.

Neuer Wall gelingt so der Spagat zwischen analoger Extravaganz und digitaler Bescheidenheit. Hommage und Kritik zugleich, ist dieses Album durchzogen von einer fast erloschenen Hoffnung am seidenen Faden, jedoch ohne sich dabei in Zynismus zu verlieren. Voller Charme dekonstruiert Konstantin Unwohl das Alltägliche und schafft es dabei, nostalgische Momente und Zeitgeist zu vermengen. Er bleibt skeptisch und fordert weiter zu allen Formen der Sinnsuche auf, während er seine liebste Basisemotion perfektioniert: bekümmert, doch vage hoffnungsvoll.

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