Stereo Total

Ah! Quel Cinéma! (12. Juli 2019)

„Stereo Total – Ah! Quel Cinéma!“

Ein Plattentitel mit zwei Ausrufezeichen, der soviel bedeutet wie "was für ein Theater" und den Hörer und die Hörerin einstimmt auf Lieder wie "Cinemascope". Im Breitwandformat werden auf dieser gelegentlich sehr unterhaltsamen Platte Themen wie persönliche Verletzungen ("Ich bin cool"), Verrat ("Mes copines"), Persönlichkeitsdefizite    durch    Drogenmissbrauch    ("Methedrine"),    Wut    ("Hass-Satellit"), Selbstüberschätzung ("Brezel says"), Selbstmord ("Le Spleen"), Trauer ("Dancing with a memory") und seelische Qual ("Elektroschocktherapie") zu Gehör gebracht.


"Ich bin eine Sprachkünstlerin, die den Humor in Kauf nimmt", soll Françoise Cactus einmal über sich selbst gesagt haben. Dem ist nichts hinzuzufügen, allerdings hat sie den gewohnten Stereo Total-Wortwitz nicht in allen Texten dieser Platte zum Zuge kommen lassen. Viele Stücke erinnern an ernste und verzweifelte Lieder, die sie in der Zeit ihrer ersten Band "Les Lolitas" geschrieben hat. Trotzdem schimmert in "Keine Musik" oder "Einfach" noch der anarchische Humor, der Stereo Total auszeichnet.


Musikalisch orientiert sich diese inzwischen zwölfte Stereo Total-Schallplatte an überhaupt nichts mehr. Konnte man auf früheren Alben noch von Einflüssen (Chanson, Trash, Disco, R'n'R, Punk, NDW) und musikalischen Stilmitteln sprechen, so sind Stereo Total jetzt in einem Universum angekommen, das nur ihnen allein zu gehören scheint und das an nichts Bekanntes mehr erinnert. Die gekonnte Produktion von Françoise Cactus auf 8-Spur-Kassetten-Technik trägt zum außergewöhnlichen Klangerlebnis bei. Brezel Göring spielt wie immer auf Musikinstrumenten, die wohl Kinder in gutbürgerlichen Haushalten niemals zu Gesicht bekommen haben: Plastikbabyorgeln und schauderhafte Mäuseklaviere, dazu Selbstbaugitarren, die von einem handwerklich unbegabten Schreiner zusammengeleimt worden zu sein scheinen.


1. Stereo Total machen nach wie vor elektronische Musik, mit Flohmarkt-Casio-Klängen, die als direkte Kritik an dem was man unter elektronischer Musik versteht gelesen werden kann. Wahrscheinlich läßt sich jedes Musikinstrument in gesellschaftliche Koordinaten übersetzen, und in diesem Sinne sprechen die Arbeitmittel von Stereo Total eine deutliche Sprache.
2. Stereo Total machen weiterhin auch immer noch LoFi-Garage-Rockmusik, die alle männlichen Klischees, die man mit Gitarrenmusik verbindet, lächerlich macht mit einem Gegenentwurf, der in Françoise Cactus' Schlagzeugspiel als Feminismus, Anti-Professionalismus und subversivem Dilettantismus mitschwingt.
Es fällt schwer, Stereo Total irgendwohin einzuordnen, wahrscheinlich muss man einfach mit Flann O'Brien sagen: "Wann wird es je wieder ihresgleichen geben?"


Ach so, für die jüngeren unter euch: Stereo Total haben zu einer Zeit angefangen Musik zu machen, als es noch kein Internet, keinen Euro, kein wiedervereinigtes Deutschland und bevor es überhaupt Bands und Musik gegeben hat, und sie werden vermutlich auch noch spielen, wenn das hier alles bereits Geschichte ist. Die Gruppe besteht aus Françoise Cactus, die sich die Zeit zwischen den Bandproben als Radiomoderatorin, Autorin und bildende Künstlerin vertreibt und Brezel Göring, dem Mann, der schon bei der Wahl seines Künstlernamens versucht hat, von Musikkritikern und Feuilletonisten nicht ernstgenommen zu werden.


Sie haben begonnen gemeinsam Musik zu machen mit dem festen Vorsatz, Regeln und Vorstellungen über den Haufen zu werfen. Zwar haben sie nicht die europäische Funktionsharmonik und die 4/4 Metrik abgeschafft, aber jeden anderen Aspekt bezüglich Texten und musikalischer Umsetzung in Frage gestellt. Mit Texten wie "Du bist schön von hinten", "Liebe zu dritt", "Ich bin nackt", "Ich bin der Stricherjunge mit der Raucherlunge" oder "Komplex mit dem Sex" haben sie versucht, sich bei ernsten Musikfreunden unmöglich zu machen, andererseits mit einer Tontechnik weit unterhalb des Qualitätsstandards Mainstreamhörer zu erschrecken.